Snus im Profisport:
Die stille Sucht in den Kabinen von Eishockey, Fussball und Baseball
Ein Spieler tritt aufs Eis, wartet auf den Anpfiff eines Fussballspiels oder wartet in der Baseball-Dugout auf seinen nächsten Schlag – und unter der Lippe steckt ein kleines weisses Kissen. Snus und tabakfreie Nikotinbeutel sind in den letzten Jahren aus den Kabinen des Profisports kaum mehr wegzudenken. Was einst als skandinavische Eigenheit galt, ist heute ein globales Phänomen, das sich quer durch Eishockey, Fussball und Baseball zieht.
Wie verbreitet ist Snus wirklich?
Die Zahlen sind bemerkenswert hoch. Eine Dissertation der Universität Bonn, die Urinproben von deutschen Spitzensportlern aus den Jahren 2016 bis 2018 auswertete, fand bei rund 15 Prozent aller Proben Hinweise auf Nikotinkonsum. Am stärksten betroffen war überraschenderweise nicht Eishockey, sondern Baseball, gefolgt von Skisport, Handball und erst dann Eishockey.
Im nordamerikanischen Profisport ist die Tradition noch älter: Bereits 2003 nutzten rund 36 Prozent der Spieler in der Major League Baseball regelmässig rauchlosen Tabak, während im Eishockey Berichten zufolge 30 bis 50 Prozent der Spieler aktiv Nikotinprodukte konsumierten.
Auch im Fussball ist der Trend längst angekommen. Eine aktuelle Studie von Forschenden der Loughborough University kam zum Schluss, dass etwa jeder fünfte Profifussballer und jede fünfte Profifussballerin in englischen Premier-League- und EFL-Klubs Snus oder Nikotinbeutel konsumiert – und ein Viertel der Nutzer sogar elf oder mehr Beutel pro Tag verwendet.
Warum greifen Profisportler zu Snus?
Die Gründe sind vielschichtig und selten rein leistungsbezogen:
- Sozialer Druck und Kabinenkultur: Studien zu englischen Profifussballern zeigen, dass viele Spieler mit dem Konsum beginnen, weil es im sozialen Umfeld der Mannschaft üblich ist. Snus wird oft von Spieler zu Spieler weitergereicht, ein Einstieg erfolgt häufig über etablierte Teamkollegen.
- Stressbewältigung: Hoher Leistungsdruck, Jobunsicherheit, Verletzungsangst, ständiges Reisen und mediale Beobachtung gehören zum Alltag von Profisportlern. Snus wird von vielen als eine Art Entspannungsmittel beschrieben – eine Bewältigungsstrategie, die aus wissenschaftlicher Sicht allerdings eher als problematisch denn als gesund gilt.
- Nervosität vor dem Spiel: Manche Spieler berichten, dass ihnen eine Portion vor dem Anpfiff hilft, die Nervosität zu regulieren.
- Vermeintliche Leistungssteigerung: Ein Teil der Nutzer glaubt an eine kognitive Wirkung von Nikotin – etwa schnellere Reaktionszeiten oder bessere Konzentration in entscheidenden Spielsituationen.
Was sagt die Wissenschaft zur Leistungswirkung?
Hier wird es interessant, aber auch widersprüchlich. Einige kleinere Studien deuten tatsächlich auf messbare Effekte hin: In einer Untersuchung an Baseballspielern zeigte sich nach Nikotinkonsum eine leicht verbesserte Reaktionszeit, und auch bei Bogenschützen wurden Hinweise auf eine verbesserte Leistung in Belastungssituationen gefunden. Manche Athleten berichten subjektiv von mehr Fokus in schnellen, entscheidungsintensiven Sportarten wie Fussball oder Eishockey.
Doch die Beweislage ist insgesamt dünn. Die meisten Studien basieren auf kleinen Stichproben, uneinheitlichen Methoden und lassen sich schwer auf reale Wettkampfsituationen übertragen. Fachleute warnen zudem vor einem Paradox: Der regelmässige Konsum kann selbst zum Stressfaktor werden – etwa durch Abhängigkeit, Entzugserscheinungen zwischen den Portionen oder gesundheitliche Folgeprobleme, die wiederum die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden beeinträchtigen.
Die Regelseite: Was sagt die Anti-Doping-Welt?
Nikotin steht aktuell nicht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Es wird jedoch im sogenannten Monitoring-Programm geführt, das heisst, sein Gebrauch wird aufgrund der hohen Verbreitung unter Athleten weiter beobachtet. Ob es künftig strenger reguliert wird, ist eine offene Frage, die in Sportmedizin-Kreisen immer wieder diskutiert wird.
Gesundheitliche Schattenseiten
So verbreitet Snus im Profisport auch sein mag, gesundheitlich ist der Konsum keineswegs unbedenklich. Nikotin macht abhängig, kann den Blutdruck erhöhen und das Herz-Kreislauf-System belasten. Rauchloser Tabak steht zudem im Verdacht, das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen im Mund- und Rachenraum zu erhöhen, auch wenn moderne, tabakfreie Nikotinbeutel hier etwas anders bewertet werden als klassischer Tabak-Snus. Langzeitfolgen von Nikotinbeuteln sind wissenschaftlich allerdings noch wenig erforscht, da das Produkt vergleichsweise neu ist.
Vom Tabak-Snus zum Nikotinbeutel
Ein wichtiger Wandel der letzten Jahre: Viele Athleten steigen von klassischem, tabakhaltigem Snus auf tabakfreie Nikotinbeutel um. Diese gelten gemeinhin als die "gesündere" Alternative, liefern aber weiterhin Nikotin und damit dasselbe Abhängigkeitspotenzial. Für gesundheitsbewusste Sportler wirkt der Umstieg dennoch wie ein Kompromiss zwischen Ritual und vermeintlich geringerem Risiko.
Fazit
Snus und Nikotinbeutel sind im Profisport längst kein Randphänomen mehr, sondern in Eishockey, Fussball und Baseball fest in der Kabinenkultur verankert. Die Motive reichen von Stressbewältigung über sozialen Gruppendruck bis hin zu vermeintlichen Leistungsvorteilen, die wissenschaftlich bislang nur schwach belegt sind. Klar ist: Der Trend wächst schneller, als Forschung und Regulierung hinterherkommen. Für Vereine, medizinisches Personal und die Sportverbände bleibt die Aufgabe, den Konsum zu verstehen, aufzuklären und langfristige Gesundheitsrisiken nicht aus dem Blick zu verlieren.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer mit dem Nikotinkonsum aufhören möchte, findet Unterstützung bei Hausärztin oder Hausarzt sowie bei nationalen Rauchstopp-Beratungsstellen.



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